Pressespiegel
Christiane Meixner: Wie wahr!, in: Der Tagesspiegel, 04.12.2010 / Nr. 20 818, S. 29.
Einmal sieht es aus, als hinge ein Bild verkehrt herum. Oben türmt sich das Meer zu massigen Wellen, unten liegt flach ein Nachthimmel. Ein Dreh, und die Ordnung wäre wieder hergestellt.
Doch so einfach ist das nicht mit der Malerei von Susanne Knaack. Obwohl sie ihre ausnahmslos
schwarzweißen Motive „Seestück“ oder „Bleiernes Meer“ nennt, formieren sie sich bloß im
Auge des Betrachters. Fern aller Assoziationen rinnen in der Galerie Eva Poll (Anna-Louisa-Karsch-Straße 9, bis 8. Januar) Farbfäden über die Leinwände, erstarren wie aufgeschäumt zu
Strudeln und abstrakten Wellen. Manche Formate (Preise: 400-7000 Euro) erreichen nicht einmal
einen halben Meter und entfesseln dennoch einen Sturm, der einen bis an namenlose Klippen
trägt. Von dort blickt man ins brodelnde Wasser, das am Horizont einen vor Wolken triefenden
Himmel berührt. Dass nur die Waagerechte reale Landschaft suggeriert, wird erst in der
Wiederholung klar.
Susanne Knaack, die an der Berliner Kunstakademie bei Georg Baselitz
studierte, widmet sich dem Thema ähnlich obsessiv wie ihr Lehrer seinen verkehrten Welten:
Seit 15 Jahren lässt sie Naturgewalten aufeinandertreffen und perfektioniert dieses Schauspiel
immer mehr. „Vorfrühling“ von 2006 zeigt noch Spuren ihrer Arbeit, Schwarz und Weiß bleiben
oft unvermischt. Mit jedem Jahr gewinnen die Arbeiten dann an Souveränität und ihre fließenden
Formationen legen nahe, dass häufig ohne Pinsel gearbeitet wird. Stattdessen schüttet
Susanne Knaack die Farbe dünnflüssig über die Leinwand und verleiht den Bildtiteln einen
doppelten Sinn: Sie bilden nichts ab, sondern sind echte „Seestücke“ – real im konstruierten
Raum der Leinwand.
Frank Buchholz: Alles außer langweilig, in: Wellentäler Wolkenberge, Ausst.-Kat. Galerie perseh, Barsinghausen-Großgoltern 2010.
Ach – schon wieder Schwarzweiß-Fotos. Dieser häufig unternommene Versuch, dem realistischen
Abbild des Echten durch Entzug der Farbigkeit eine künstlerische Prägung zu verleihen.
Solch Eindruck entsteht leicht beim flüchtigen Blick auf Susanne Knaacks Bilder. Das genauere
Hinsehen offenbart jedoch die Malerei und die völlige Gegenstandslosigkeit. Was so eindeutig
schien, droht sich nun meiner Betrachtung zu entziehen. Meine assoziative Reise ist uferlos
und findet mal hier, mal dort Halt. Selbst oben und unten sind nicht immer eindeutig, das malerische
Spiel mit Farbe und Leinwand ist wesentlich. Hier zeigen sich Parallelen zu den Arbeiten
ihres Lehrers Georg Baselitz.
Gleichzeitig beteuert Susanne Knaack sowohl ihr eigenes Unvermögen, ein Bild exakt nach
ihren Vorstellungen entstehen zu lassen, als auch ihre immer währende Freude daran, dem
Entstandenen Bilder zu entlocken. Ständig liegen zwei unbändige Mächte im Wettstreit: der
Zufall und ihre Schaffenskraft.
Da ist es vielleicht gar nicht verwunderlich, wenn ich als Betrachter den Halt verliere und
hereingezogen werde – in den Strudel, in das Brausen, in die Weite.
Dr. Regine Nahrwold: Text anlässlich der Ausstellung „Meer. Wasser. Seen.“ Susanne Knaack – Malerei, in der Galerie Riddagshausen, Braunschweig vom 12.02.-23.04.2009
Quelle: FreiGEISTreich
„Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.“
Diese Verse aus Schillers Ballade „Der Taucher“ können einem vor den Bildern der Malerin
Susanne Knaack in den Sinn kommen. Malerin? Manchmal malt Susanne Knaack tatsächlich,
mit breitem Pinsel und dünnflüssiger Farbe, aber oft schüttet sie Schwarz und Weiß direkt auf
den Bildgrund und lässt beide dort ineinander rinnen, aufeinander prallen, sich miteinander mischen.
Die Bilder, die dabei entstehen, erwecken den Eindruck wogender Wassermassen, und,
genau wie das Meer selbst, sind sie immer wieder anders und neu. Gleich bleiben lediglich das
Hochformat und die Diagonalzüge und -schwünge; sie suggerieren eine große Raumtiefe und
innerhalb des engen Bildausschnitts eine dramatische Bewegtheit. Und die Buntfarbe? Hat die
Künstlerin aus ihrer Arbeit verbannt, weil sie ihr überflüssig erscheint und sie vom Wesentlichen
ablenkt.
Mit ihrem Lehrer Georg Baselitz hat sie trotzdem mehr gemein, als man auf den ersten Blick
denken könnte. Dieser geht vom Gegenstand aus, stellt ihn jedoch auf den Kopf, um das
Reinmalerische des Bildes zu betonen, das Diktum Maurice Denis’, dass das Bild, bevor es
etwas darstellt, eine mit Farben bedeckte Leinwand ist. Susanne Knaack geht vom Eigenleben
der Farbe aus und versetzt diese so in Bewegung, dass dabei etwas entsteht, das wildem,
sturmgepeitschtem Wasser ähnelt. Insofern wir dies in die Schwarz-Weiß-Verläufe hineinsehen,
sind ihre See-Stücke immer auch Seh-Stücke. Sie sind – so sagt sie selbst – „wie die Natur“,
während die Zeichnungen, die sie ebenfalls macht, Stilleben „nach der Natur“ sind. (Ausst.-Kat.
Susanne Knaack. Malerei und Grafik, hg. von der Kunststiftung Poll, Berlin 2003, S. 6).
Im Entstehungsprozess der Bilder übernimmt die Malerin die Rolle der Auslöserin und Lenkerin
des Zufalls. Ihre Impulse steuern ihn, aber viel mehr noch ist sie Beobachterin und Empfangende
dessen, was auf der Leinwand geschieht: Die Bilder „haben ihre eigene Dynamik. Ich lasse
mich auf das, was passiert, ein, so gut ich kann. Kann ich nicht, so werden auch die Bilder keine.
(…) Ich habe das Malen nach wie vor nicht im Griff, bin auf Glück angewiesen. Meine einzig
wirklich sichere Fähigkeit ist, das, was in der Suppe gut geraten ist, zu erkennen, zu isolieren
und nach geraumer Zeit stehen zu lassen. Oder auch nicht.“ (ebd. S. 5, 6).
Textauszug von Martin Faass: Blick zurück nach vorn, in: Felix Krämer, Martin Faass, Hubertus Gaßner (Hrsg.): Seestücke. Von Max Beckmann bis Gerhard Richter. Katalog zur Ausstellung
im Hubertus-Wald-Forum und in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, 2007.
(…) Die Berliner Malerin Susanne Knaack (*1962) ist vermutlich die einzige aus dem Kreis der
ausgestellten Künstler, die es nicht von vornherein auf das historische Genre „Seestück“ anlegt.
Ihre Seestücke sind das Ergebnis eines zunächst abstrakten künstlerischen Prozesses auf der
Leinwand, nicht ursprüngliches Thema (…). Sie sind Ergebnis einer, so Joerg Probst, „recht
umständlichen, beinahe alchimistischen Prozedur“, bei der durch Drehen und Kippen der Leinwand
schwarze und weiße Farbe ineinander laufen. Das kontrollierte Zusammenlaufen der Farben
evoziert beim Betrachter Erinnerungen: an vom Flugzeug aus gesehene Wolkenbilder, Visionen
von Wüstennächten und an die immer wogende Oberfläche des Meeres. Knaacks Seestücke
sind aus dem abstrakten Experiment geborene gegenständliche Malerei.
Judith Borowski (Protokoll): Kunststück! Was haben Sie sich dabei gedacht, Frau Knaack?, in: Financial Times Deutschland, 31.08.-02.09.2007, 169/35.
Wie konnte mir das passieren? Der Eimer mit Farbe ist umgekippt. Fünf Liter Schwarz vergeudet!
Nun schwimmt es auf der weiß grundierten Leinwand, die auf dem Atelierboden liegt. Ich
fische nach dem Bilderrahmen, lupfe eine Ecke, kriege sie halbwegs zu packen, doch sie
rutscht mir wieder aus der Hand, klatscht in die Pfütze, spritzt alles voll, und ich denke über die
Vorteile eines Bürojobs nach. Aber ist nicht alles aus einer Suppe, der Ursuppe, entstanden? In
diesem Gedanken kippe ich jetzt noch weiße Farbe dazu, als Kontrast sozusagen – vielleicht
ergibt sich ja etwas daraus. Wieder kriege ich eine Ecke Leinwand zu fassen. Diesmal packe
ich geschickter zu, die Farben mischen sich und laufen über die schräg gekippte Leinwand auf
den Boden. Langsam fängt das Missgeschick an, Spaß zu machen. Ich kippe, drehe schüttele
und schaukele die Leinwand weiter, und nach und nach entsteht dort ein Horizont. Auf dem
Boden sammelt sich eine klebrige Lache aus Farbe. Schließlich schiebe ich das Bild beiseite,
an einen trockeneren Platz im Atelier. Es folgt ein prüfender Blick, ein Schritt zurück, dann steige
ich auf meine Leiter, um eine bessere Übersicht zu haben. Von oben aus sieht alles so viel
harmloser aus, zu harmlos. Also nehme ich ein Töpfchen Weiß, gehe zurück zum Bild, tunke
meine Finger in die Farbe und beginne zu schnipsen. Das spritzt wieder, diesmal Weiß auf
Schwarz. Die Farbe verläuft nass in nass auf dem neuen Bild, und plötzlich werden die Spritzer
zu Gischt, zu Brandung, schließlich zu einem Wellenberg, der zum Schluss die Fläche bestimmt.
Ich betrachte erneut mein Werk, gebe dem Ganzen noch einen Stups und lasse das
Bild trocknen.
Man könnte also sagen: Mein erstes „Seestück“ hat sich vor zehn Jahren selbst gemalt. Doch
aus dem Missgeschick ist inzwischen meine eigene Technik geworden. Die Arbeit hier „Große
Welle“, ist 2005 auf die gleiche Art und Weise entstanden, wenn auch mit voller Absicht. Natürlich
gibt es Bilder, bei denen ich am nächsten Morgen, wenn ich das erste Mal frisch draufsehe,
entscheide: missglückt. Hier aber ist es etwas wie ein Sprung in kühle Fluten. Wenn man direkt
davor steht, ist man wie vom Wasser umspült, man befindet sich nicht am Meer, sondern darin.
Joerg Probst: Natur der Malerei. Seestücke von Susanne Knaack, in: Susanne Knaack. Landschaften der Erinnerung, Ausst.-Kat. Galerie Hermeyer, München 2007, S. 6-8.
Dass Techniken nicht unmoralisch sind, ist eine so einfache wie immer wieder bestrittene Entdeckung.
Mittel und Zweck werden oft leichtfertig getrennt. Ein Grund dafür mag in der Annahme
liegen, Werkzeuge und Hilfsmittel seien tot und daher willenlos. Leicht schreibt man Verdienst
oder Schuld am Gelingen oder Misslingen eines Gemäldes nicht den Farben, sondern
allein dem Geschick und den Ideen des Künstlers zu. Pinsel sind nur Mittel, die der Zweck belebt,
zu dem der Maler ihn benutzt. In diesem Sinne spricht man in einer altertümlichen Wendung
von Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen. Doch schon in dieser unbewussten Rhetorik
eines Herr/Knecht-Verhältnisses zur Technologie offenbart sich ein moralischer Sinn. Er wird
in seinen wechselhaften Bedeutungen in der Malerei sichtbar. Gemalte Bilder reizen nicht nur
durch ihr Thema oder ihre Handschrift, sondern auch als Abbild eines Arbeitsverhältnisses. Der
Zweck kann an den Mitteln gemessen werden. Die Phantasie des Künstlers ist auch der Geist
seiner Werkzeuge.
Als Arbeitsverhältnis betrachtet, gewinnen die „Seestücke“ von Susanne Knaack an Faszination
und büßen zugleich einige zunächst sehr nahe liegende Patenschaften ein. Die grauen Bilder
der 1962 geborenen Berlinerin rufen allzu leicht Erinnerungen an bedeutende Werke wach, die
Gerhard Richter im Geburtsjahr von Susanne Knaack zu malen begann. Mit demselben Recht
wären allerdings auch Parallelen zu der 1963 erfundenen Technik des zunächst schwarzweißen
Video und dessen anfänglicher malerischer Unschärfe zu ziehen, die Richter durchaus
zu seinen berühmten Bildverwischungen inspiriert haben könnten.
Vergleiche wie diese verkennen die sehr gegensätzlichen Versprechen, die sich in der Arbeit
des Malens erfüllen können. Innerhalb der Kunstgeschichte des Grau gehören die Bilder von
Gerhard Richter und des unbekannten Videokünstlers der 60er Jahre gewiss ebenso in ein gemeinsames
imaginäres Museum wie die Malereien von Susanne Knaack. Sie trennt sich allerdings
von ihren vermeintlichen Vorläufern durch den Akt, mit dem sie zu ihren Landschaftsbildern
findet. Anders als die Bilder von Gerhard Richter unter gleichem Titel sind die so genannten
„Seestücke“ der Berliner Malerin keine verfremdenden Bearbeitungen von Vorlagen. Der in
solchen Manipulationen immer schon verborgene Glaube an die Macht der Bilder ist bei Susanne
Knaack ersetzt durch eine hoffnungsvolle Skepsis, die das Malen den Bildern selbst überlässt.
Aus dieser Arbeit macht die Künstlerin kein Geheimnis. Im Gegenteil. Nicht die Landschaften,
sondern das sie entstehen lassende Verfahren ist ganz offensichtlich das Thema der Variationen.
Die Werke entstehen nicht auf der Staffelei, sondern werden am Boden liegend gemalt.
Der Prozess beginnt und endet mit dem Fließen und Vergießen von Schwarz und Weiß direkt
aus den Flaschen auf die ausgebreiteten Malgründe. Ein nahe liegender Vergleich dieses Vorgangs
mit dem action-painting der Nachkriegszeit würde allerdings erneut in die Irre führen und
als ein Missverständnis der Arbeit der Malerin das Verständnis der fertigen Bilder trüben. Als
Kunststücke mögen die schwarz-weißen drippings von Jackson Pollock zu den Seestücken von
Susanne Knaack eine entfernte Verbindung halten. Doch auch hier besteht der Unterschied in
dem Charakter der Arbeit, die in den Resultaten aufgehoben ist. Action-paintings können auch
als Spuren der Choreographie eines Malers gelten, die Landschaften von Susanne Knaack hingegen<
sind kein Weg ohne Ziel.
Als Forschungsarbeit werden die Bilder von Susanne Knaack durch eine zunächst sonderbar
anmutende Parallele verständlicher. Die „Seestücke“ könnten sich mit guten Gründen auf die
ersten Fotografien berufen. Dazu verführt die Geschichte des schwarz-weißen Bildes und seiner
Melancholie nur weit am Rande. Verwandtschaft mit den Daguerreotypien oder Talbotypien
des 19. Jahrhunderts besteht weniger in der etwaigen Ähnlichkeit der „Seestücke“ mit bestimmten
fotografischen Bildern, als in deren Aura durch ein besonderes Verfahren. Auch hier werden
eher Widersprüche als Ähnlichkeit zwischen Malerei und Fotografie, Reproduzierbarkeit und
Original auffallen. Doch diese oft beschworenen Gegensätze berühren sich in einem bestimmten
Bildwunsch.
Die Erwartung der ersten Fotografen und die malerische Suche von Susanne Knaack treffen>
sich in einer gemeinsamen Vorstellung von der Natur als Künstlerin. Nicht die Geschicklichkeit
der Pioniere der Kamera, sondern die Natur, die sich mit dem Lichtstrahl als Zeichenstift selbst
auf das Fotopapier porträtiert, erzeugte das Lichtbild und war dafür verantwortlich. Nicht anders
ist zu verstehen, dass die ersten Fotografien als Ikonen des „pencil of nature“ begriffen und beworben
wurden. Weitere vergleichbare Zeugnisse der Natur als Künstlerin sind Zufallsbilder, die
sich in grotesken Wolkenformationen, menschenähnlichen Felsen oder Landschaften vorgaukelnden
Mineralien finden lassen. In diese Galerie der Lichtbilder und Schattenspiele gehören
auch die „Seestücke“ von Susanne Knaack.
Der Natur die Malerei zu überlassen ist eine Geste, die an den ursprünglichen Eifer der schöpferischen
Natur erinnert. Als Widerstreit und Harmonie von Schwarz und Weiß aus einem Berliner
Atelier bedeuten die „Seestücke“ von Susanne Knaack aber gewiss mehr als nur ein wissenschaftliches
Experiment. Diese Beschwörung der Natur ist dramatisch. Schwarz und Weiß,
Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Gut und Böse bewegen sich gegeneinander, lösen sich ineinander
auf und formen menschenleere Weltlandschaften. Das Bildverfahren lässt offen, ob es
sich dabei um ein Spiel oder den Kampf von Kräften handelt. Als Zufallsschöpfungen der Natur
bedeuten die Sturmvisionen und Weltuntergangsvariationen von Susanne Knaack Meditationen
über Fusionen und Grenzverwischungen und die Hoffnung auf eine versteckte Harmonie im
Wandel. Ein Versprechen der Natur, das sich in der Malerei erfüllt. Bilder der Natur aus sich
selbst heraus sind auch Erinnerungen daran, sich selbst zu erfinden. Die sich selbst malenden
„Seestücke“ von Susanne Knaack folgen damit einer Logik, die Natur und Technologie vereint.
In den Farben verbinden sich Natur und Technik zu einer ebenso traditionellen wie in der Medienwelt
modernen Moral: Erfinden heißt heute, Verfahren erfinden.
Joerg Probst: Malen als Segeln. Seestücke von Susanne Knaack, in: Susanne Knaack. Paysages, Ausst.-Kat. Galerie Lavignes-Bastille, Paris 2006, S.7-8
Der letzte Schritt enthüllt das Ganze. Bis dahin ist diese Arbeit Warten auf etwas, das man nicht
suchen kann. Wenn Wanderer und Freilichtmaler früherer Zeiten mit den Staffeleien im Gepäck
die Natur nach geeigneten und neuartigen Entdeckungen durchstreiften, da waren ihre Landschaften
Bericht und Erlebnis zugleich. Was sie zeigten, wenn sie nach Hause kamen, gab es,
denn sie hatten es gesehen. Die Bilder der Berlinerin Susanne Knaack (*1962) sind auch Fundstücke,
aber sie dokumentieren weder eine Reise um die Welt, noch entstammen sie der Welt
der Phantasie. Empfindungen und Entdeckungen sind Vergangenheit und gehören zur Kunstgeschichte.
Die „Seestücke“, wie die Künstlerin ihre romantischen Malereien nennt, sind Objekte
der Künstlichkeit, Erinnerungen an die Natur aus dem Geist der Technik. Es sind Endstufen
einer recht umständlichen, beinahe alchimistischen Prozedur. Dieser Akt ist die Botschaft der
Bilder.
Zuerst geht es um nichts Bestimmtes. „Nach wie vor entstehen die Arbeiten in Serie, 10 bis 20
Stück zugleich, Kante an Kante auf den Boden gelegt und dann mit dünner Farbe und dickem
Pinsel gemalt“, erklärt Susanne Knaack. Nur die vage Möglichkeit eines Bildes steht am Anfang
ihrer Generierung. „Das Grau ergibt sich aus dem Zusammenlaufen der Farben und den
unausgewaschenen Pinseln. Manchmal male ich auch gar nicht, dann lasse ich die Farbe aus
den Flaschen direkt auf die klatschnassen Platten laufen oder spritzen.“1 Schwarz und Weiß
vermischen sich, eine Einheit von Gegensätzen ist das Grau, die Farbe der Erinnerung oder
von Träumen: Wogen, vom Flugzeug aus gesehene Wolkenbilder, Visionen von Sümpfen und
Wüstennächten.
Gerhard Richter ist ein Pate der grauen Impressionen von Susanne Knaack. Aber Gerhard
Richter geht einen anderen Weg zum Bild. Richter kommt in seinen malerischen Bearbeitungen
von Schwarz-Weiß-Fotografien durch Zerstörung zum Ziel. Dem exakten schrittweisen Abmalen
der Foto-Vorlage folgt die abschließende malerische Verwischung und Vertuschung des mühevoll
hergestellten Abbildes. In der umgekehrten Reihenfolge dieser Arbeitsschritte entstehen
Abstraktionen. „So ein Bild“, beschreibt Richter die Etappen, „wird in verschiedenen Schichten
gemalt, die zeitlich voneinander getrennt sind; wobei die erste Schicht meist den Hintergrund
des Bildes darstellt. (...) Diese glatte ineinander verschwimmende Fläche ist dann erstmal ein
Bild, das ich nach einiger Zeit verstehe oder mir satt gesehen habe und in einem nächsten
Malgang zum Teil zerstöre, zum Teil ergänze und das immer so weiter in zeitlichen Abständen,
bis es nichts weiter mehr zu tun gibt, das Bild also fertig ist.“2 Überarbeitungen lassen ein Werk
nach und nach aus sich selber entstehen, die Korrekturen oder Verfremdungen richten sich
gegen das Bild.
Was vollendet ist, hat keine Zukunft. Mit malerischen Verwischungen von Foto-Vorlagen manipuliert
Gerhard Richter das scheinbar perfekte Foto und zerstört so dessen Endgültigkeit. Dazu
ließ es Jackson Pollock, der ebenfalls Urheberrechte auf die Technik von Susanne Knaack beanspruchen
könnte, gar nicht erst kommen. Um 1950 hat Pollock mit Schwarz und Weiß experimentiert.
„Es war typisch für seine Palette“, erinnert sich Lee Krasner, „dass sie aus ein oder
zwei Kannen mit (...) Lack bestand, der soweit verdünnt war, wie er es wollte, sie standen auf
dem Boden neben der ausgerollten Leinwand. Indem er Stöcke benutzte, harte aber abgenutzte
Pinsel (die praktisch wie Stöcke waren) und Spritzen auf Bürsten, begann er dann zu malen.
Seine Kontrolle war erstaunlich. Stöcke zu benutzen war schwierig genug, aber die Spritze auf
der Bürste war wie ein gigantischer Füller. Damit musste er den Fluß der Farbe kontrollieren,
genauso wie seine Gesten.“3
Jackson Pollock hat seine action-paintings nachträglich einer strengen Kontrolle unterzogen.
Nach dem Akt des Malens bestimmte das weitere Schicksal dieser so beliebig aussehenden, flirrenden Gewebe aus Spuren, Klecksen und Farbfäden die Schere. „Für das Schneiden und
Editieren hatte er lange Sitzungen (...) Sein Signieren war sogar noch schlimmer. Ich nehme an,
alles war geregelt – Oben und Unten, die Ränder – und dann hatte er in letzter Minute Gedanken
und Zweifel.“4 Wie aus dem Überangebot eines Warenhauskatalogs wählt auch Susanne
Knaack aus einer Bilderflut der Farbe ihre Trugbilder aus. „Meine einzig sichere Fähigkeit ist,
das, was in der Suppe gut geraten ist, zu erkennen, zu isolieren und nach geraumer Zeit stehen
zu lassen.“.
Technik ist die Möglichkeit von Etwas. Schiffe und Autos wurden erfunden, weil es um neue
Möglichkeiten, nicht um neue Produkte ging. „Alle Verkehrsmittel haben sich aus dem Denken
des Fahrens, Ruderns, Segelns, Fliegens entwickelt und nicht etwa aus der Vorstellung des
Wagens oder Bootes.“6 In diesem Sinne ist das Gemälde ein Boot, Malerei das Segeln. „Ich
lasse mich auf das ein, was passiert, so gut ich kann“7, sagt Susanne Knaack von sich. Malerei
ist ein Interesse an Möglichkeiten, das fertige Gemälde nur ein vergängliches Gleichnis. Das
Betrachten eines Bildes ist das Verstehen von Technik, der Sinn für ein Interesse. Kunstwerke
mögen für sich stehen und jenseits von Gut und Böse sein, Verfahren und Technik aber sind
eine Arbeits-Moral. Gerhard Richter verstand Malen als Macht der Manipulation, Jackson Pollock
hat einen Tanz des Vergessens praktiziert. Malerei von Susanne Knaack ist die Simulation,
nach wie vor eine Wahl zu haben. Die Perspektive der Möglichkeit in einer Welt der Bilder.
Susanne Knaack: Lieber Herr Poll..., in: Susanne Knaack. Paysages, Ausst.-Kat. Galerie Lavignes-Bastille, Paris 2006, S. 9.
Lieber Herr Poll,
mit dem Text von Herrn Probst bin ich sehr einverstanden, das liest sich gut.
Jackson Pollock können wir ja nun nicht mehr fragen, und ob Gerhard Richter sich in der Rolle
als Pate wohl fühlt, weiß ich auch nicht recht – vermutlich ist’s ihm schnurzegal – in jedem Falle
werden Parallelen zu großen Meistern gezogen, und das kann mir nur Recht sein.
Ich habe mich schon immer darüber gewundert, dass bei Gesprächen über meine Seestücke
fast immer irgendwann der Name Richter auftaucht, obwohl ich mich mit Richter nie besonders
intensiv beschäftigt habe. Er war mir immer zu kalt, zu kalkulierend, zu ergebnisorientiert. Seine
ganze Herangehensweise an Bilder ist eine des Denkens, nicht eine des Fühlens. Es sind Bilder
aus zweiter Hand, so würde ich formulieren, Bilder über bereits vorhandene Bilder. Seien es
die im Text von Herrn Probst erwähnten Fotoadaptionen oder auch die Farbtafeln, in denen
Richter die Vorlagen aus Industrie und Handwerk zum Bildanlass nimmt, bis hin zu den Rakelbildern,
die den abstrakten Expressionismus zitieren und ihn publikumsfreundlich aufbereitet
darbieten. Sie merken, ich habe ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu Richters Werk.
Baselitz sagte mal in einem Gespräch mit uns Studenten, dass er persönlich versuche, die Seele
wieder mit ins Spiel, ergo ins Bild, zu bringen. Ihm war vieles was damals (in den 80ern) gemalt
wurde zu kalt, zu herzlos. So jedenfalls habe ich ihn damals verstanden, und er nannte
auch Richter als ein Beispiel für jemanden, der diese Art der Bilderherstellung betreibt. Nun
kommt man ja als Maler ums Handwerk nicht drumrum und nichts entsteht aus reinem Wünschen
und Wollen. Aber der Akt des Machens darf die Intention, aus der heraus einmal der
Wunsch zum Bild entsprang, nicht verdrängen oder beiseite schieben. Dann haben wir ganz
schnell das Machwerk, was dem Kunstwerk sicherlich in puncto Peinture und Raffinesse durchaus
mal den Rang ablaufen kann, aber doch in einer anderen Sphäre verbleibt, die um einiges
ärmer ist als der Bereich, in dem die überzeitlichen Bilder, die Ikonen, ihren Platz haben.
Vielleicht kommt Ihnen das vermessen vor? Ich greife eben nach den Sternen. Vielleicht erreiche
ich dabei den einen oder anderen schönen Apfel.
Herzlicher Gruß
Susanne Knaack
Intervention VIII Pressemitteilung
Susanne Knaack @ KSb
Die achte »Intervention« im KioskShop berlin wird in Zusammenarbeit mit der Berliner Kunststiftung
Poll von der in Berlin lebenden Künstlerin Susanne Knaack durchgeführt.
Susanne Knaack, geboren 1962 in Berlin, studierte von 1982 bis 1985 Kunstgeschichte und
Germanistik an der Freien Universität. Sie wechselte 1985 an die Hochschule der Künste, um
bis 1989 bei Georg Baselitz Malerei zu studieren.
Die Künstlerin wird im KioskShop berlin ihre »Seestücke« zeigen.
Die Arbeitstitel, so könnte man meinen, lassen bereits erahnen, was einen erwartet. So scheint
man doch zuerst Schwarz-Weiß-Fotografien von bewegter See zu erkennen. Beim näheren
Betrachten aber erkennt man die Bilder als Malerei, als virtuos vollzogene Malerei: Wie ist die
tosende See, die spritzende Gischt, das atemberaubende Auf und Ab der Wellenlandschaft so
überzeugend und realitätsnah gemeistert? Warum ist dennoch in ihnen eine so große kontemplative
Stille enthalten, die an die »Seascapes« des Fotografen Hiroshi Sugimoto denken lassen?
Susanne Knaacks Arbeiten sind als konzeptuelle Malereien zu fassen:
Nicht nur die Reihung oder das Tableau deuten als ein wichtiges Merkmal darauf hin, sondern
die Titelgebung birgt bereits einen wichtigen Hinweis: Sind es »Seestücke« oder »Sehstücke«?
Der Schaffensprozeß jedoch ist der wesentlichste Indikator: Susanne Knaacks »Seestücke«
sind Schüttbilder. Die Farbe wird nicht mit dem Pinsel in klassischer Manier aufgetragen, sondern
gezielt geschüttet und durch gelenkte Bewegung des Bildträgers seinem Lauf, der Durchmischung,
des Aufeinanderprallens und der Abstoßung überlassen.
Parallelen zu Jackson Pollocks gelenktem Zufall der »Drip-Paintings«, auch »Action Paintings«
genannt, tun sich auf. So auch der Hinweis auf das »Allover Painting« der amerikanischen
Nachkriegsmoderne durch das zum Ausschnitthaften mutierende Hochformat, das die Künstlerin
anstatt eines traditionellen landschaftstypischen Querformats nutzt.
Susanne Knaacks verschieden große Malereien konstruieren eine Wirklichkeit, die per se nicht
existiert, die uns dennoch im Detail so bekannt scheint, daß wir sie als Abbild der Realität begreifen.
Diese Arbeiten lehren uns das Sehen, nicht nur im physiologischen Sinne, sondern
auch im übertragenen. Die »Seestücke« werden zu »Sehstücken«.
H. N. Semjon
Berlin im Februar 2004
Künstlerportrait »
Werke »
Vita »